Rodolfo Panetta, Kreisrat
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11. März 2009
Offener Brief
an die Mitglieder des Vorstands
und des Verwaltungsrats
der Kreissparkasse Freudenstadt
72250 Freudenstadt
Haben- und Sollzinsen bei der Kreissparkasse Freudenstadt
hier auch: öffentlicher Auftrag der Sparkassen
Sehr geehrte Frau Blanke, sehr geehrte Herren!
In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland hat es ein Auseinanderklaffen von Haben- und Sollzinsen im derzeitigen Ausmaße noch nie gegeben. Für einen Privatkunden mit guter Bonität stellt sich dies am heutigen Tag in Zahlen wie folgt dar:
- Habenzinsen Sparbuch mit gesetzlicher Kündigungsfrist: 0,5 %
- Sollzinsen Girokonto im Rahmen des eingeräumten Dispo: 14,25 %
Wir erinnern uns: Früher, als unser Land noch sittlich-moralisch in Ordnung war, erhielt der Bürger auf dem Sparbuch 3 % Zinsen. Für die Überziehung des Girokontos wurden 8 bis 9 % Sollzinsen berechnet, und dies bei einer vergleichbaren Inflationsrate wie heute.
Nun spreche ich hier kein spezifisches Freudenstädter Problem an. In Stuttgart oder Hamburg, bei Volksbank oder Commerzbank ist es nicht anders. Jedoch kann nicht akzeptiert werden, daß Sie sich deshalb Ihrer Verantwortung entziehen. Jeder schweigt und kassiert und verweist dabei auf andere, die es ebenso machen. Die allgemeine Verwilderung der Sitten entschuldigt aber nicht.
Im Rahmen der Deregulierung der Finanzmärkte haben sich ausländische Banken Geschäftsmodelle zugelegt, welche einer Lizenz zum Gelddrucken gleichkommen. Es mag sein, daß Sie als Sparkasse diese Möglichkeiten so nicht besitzen. Jedoch ändert auch dies nichts an Ihrem öffentlichen Auftrag und Ihrer Verpflichtung zur Gemeinnützigkeit.
Die kalte Enteignung kleiner Sparer, welche nicht die notwendige Flexibilität in der Geldanlage aufbringen können – Kinder, ältere Leute, Arbeiter, Leute ohne Internet – ist ein Riesenskandal. Gleiches gilt, wenn Arbeitnehmer, Rentner oder kleine Geschäftsleute in der Not einmal ihr Konto kurzfristig überziehen müssen. Diese Menschen bei der Gestaltung der Konditionen so zu benachteiligen, ist schlicht unmoralisch. Die Konditionen werden übrigens vor der Öffentlichkeit eher verborgen. Man findet sie bei intensiver Suche im Kleingedruckten.
Die Ausgabe von Sparbüchern – verbunden mit einem geringen Geldgeschenk – an Neugeborene, Schulkinder und vergleichbare Gruppen zur frühen Kundenbindung erscheint deshalb gerade heute in einem ganz andern Lichte.
Und daß die Politiker es wagen, auf Zinssätze weit unterhalb der Inflationsrate auch noch Abgeltungssteuer zu erheben und daß dabei kein Sturm der Entrüstung durchs Land braust und daß Sie als Vorstände und Verwaltungsräte sich nicht lautstark zu Anwälten unserer Bürger machen, das ist mir unerklärlich. Ich glaube, es geht Ihnen allen einfach zu gut.
Ein Philosoph unserer Tage hat einmal geschrieben: „Menschen, die selbst überhöhte Privilegien besitzen, verlieren das Gespür für die Wirklichkeit.“ Vielleicht ist dies eine Erklärung für die heutigen Zustände in Politik und Finanzwirtschaft.
Als einziger fraktionsloser Kreisrat habe ich keine Möglichkeit, im Verwaltungsrat selbst aktiv zu werden. Ich bin daher sehr gespannt darauf, wie Sie selbst mit dem Sachverhalt umgehen und was Sie zum Schutz unserer Bürger unternehmen möchten.
Mit freundlichen Grüßen
Rodolfo Panetta